22.02.2014

Herbstzug 2013 - die zweite Zughälfte

Hallo an alle Leser!

Raubwürger (Lanius [excubitor] homeyeri(?)) - Das Highlight 2013?
Mehr Infos siehe Text
Der Winter ist traditionell die Zeit, in der die Beringung im IKEA-Biotop zur Ruhe kommt. Die Netze sind sicher eingelagert, das Biotop ist sich selbst und den dort einkehrenden Wintergästen überlassen. In diesem Jahr will der Winter das Saarland aber (zumindest bis jetzt) eher umgehen und so lagen die Temperaturen bis auf wenige Ausnahmen eher auf herbstlichem Niveau und was eigentlich Schnee ist, das haben die meisten Saarländer sowieso schon ganz vergessen.
Für uns bedeutet diese Zeit aber auch, auf das vergangene Jahr zurückzublicken und die angesammelten Daten etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Den Anfang macht heute die (überfällige) Zusammenfassung der zweiten Herbstzughälfte.


Allgemein - Erfassung mit Unterbrechung

Basstölpel (Morus bassanus), Helgoland 2013
Das beliebteste Ziel deutscher Ornithologen!
Die zweite Zughälfte reicht von Anfang Oktober bis ca. Ende November, wobei diese Phase je nach Wetterlage mal kürzer und mal länger andauert und auch in der Intensität stark variiert. Die zweite Hälfte des Herbstzugs ist die Hälfte mit geringeren Fangzahlen, da einfach viele früh ziehende Arten schon weg sind. Außerdem war gerade Anfang Oktober 2013 die Zeit, in der unser Team geschlossen zu den Helgoländer Vogeltagen gefahren ist: Ein Erlebnis, dass man allen begeisterten Hobbyornithologen nur immer wieder empfehlen kann. Neben dem maritimen Artenspektrum treten dort im Herbst nämlich zahlreiche extrem seltene Irrgäste auf, die anderenorts in Deutschland noch nicht nachgewiesen wurden.

Für unsere Erfassung bedeutet das eine "Datenlücke" von einer Woche, in der die Beringung geruht hat. Obwohl wir so gut wie möglich versucht haben, das unbearbeitete Zeitfenster zu minimieren (am Tag vor der Abreise noch eine Aktion), gibt es natürlich dadurch statistische Auswirkungen. Eine weitere Verzerrung der Daten entsteht durch die typischen Beringungszeiten. Als ehrenamtliche Tätigkeit findet die Beringung neben unserer regulären Arbeit (vorher bzw. hinterher) statt, dadurch ist der tageszeitliche Bereich vom späten Vormittag bis zum frühen Abend unterrepräsentiert. Doch dazu später mehr.


Feldlerche (Alauda arvensis)
Seit dem Vorjahr nehmen wir ab Anfang Oktober auch an einer bundesweiten Feldlerchen-Beringung teil, bei der in der Nacht Feldlerchen mit spezieller Fangtechnik auch in eigentlich ungeeignete Biotope gelenkt werden. Auch 2013 wurden immerhin 74 Stück gefangen (davon ganze 62 in einer sehr klaren Vollmondnacht!), eine gute Bilanz (vgl. 2012: 84 Ex.).



Häufige Arten - Rohrammern seltener?

Bei den häufigen Arten gibt es hauptsächlich 2 Arten, die ihren Hauptdurchzug in der späten Zugphase haben: Rohrammern und Rotkehlchen. In den vergangenen Jahren stets zwei der vier häufigsten Arten im IKEA-Biotop. Die anderen beiden Top-4-Arten, Teichrohrsänger und Mönchsgrasmücke, lassen ihren Zug bis Ende Oktober hin ausklingen, Fänge im November sind aber nicht untypisch. Auch die sehr häufigen Zilpzalpe ziehen in der zweiten Zughälfte stark.

Was fiel 2013 auf: Nun, für die Rotkehlchen nicht viel, der Herbstbestand 2013 lag mit 674 Ex. in etwa in der Größenordnung der Vorjahre (2012: 705 Ex.).
Phänologiediagramm der Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla)
Im Vergleich dazu die Vorjahre. Man erkennt deutlich,
dass die Fangzahlen enorm nach oben abweichen, sowie eine
zeitliche Verschiebung zu späterem Zug, wie auch schon 2012
Doch für die anderen Top-4 gab es große Abweichungen: Mönchsgrasmücken und Teichrohrsänger waren viel häufiger als im Vorjahr: Für die anderen Grasmückenarten hat sich das ja bereits in der ersten Herbstzughälfte angedeutet, auch bei den Mönchen lagen die Fangzahlen mit 1075 Ex. (2012: 620 Ex.) sehr deutlich über den Ergebnissen der Vorjahre. 2013 war für die Mönchsgrasmücke das Jahr mit den meisten Fängen seit Beginn der Beringungsarbeit im IKEA-Biotop.


Der Teichrohrsänger als häufigste Art des Gebiets kann dieses Ergebnis aber locker übertreffen: Mit 2530 gefangenen Individuen 2013 (2012: 1586 Ex.) war der Herbstzug 2014 fast so stark wie die Rekordsaison 2010. Ein besonders interessanter Vertreter seiner Art ging uns noch am 26.11. ins Netz. Dies macht ihn nicht nur zum spätesten je im IKEA-Biotop nachgewiesenen Teichrohrsänger, er war auch noch mit einem holländischen Ring markiert! Es wird interessant sein zu erfahren, wann und wo er dort gefangen wurde.

Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus), beringt von Zentrale Arnhem (NED)
Gefangen am 26.11.2013 und damit der späteste je von uns nachgewiesene Teichrohrsänger

Fangzahlen der Rohrammer (Emberiza schoeniclus)
Dazu im Vergleich Zahl der Beringungstage jeweils
von 11.09. - 20.11. des Jahres (Hauptdurchzug).
Die Diskrepanzen 2012 bzw. 2013 könnten auf
Populationsrückgang oder Methodikprobleme hinweisen
Was die Rohrammern angeht, sieht die Saison 2013 weniger erfreulich aus. Zum ersten Mal seit Beginn der Beringung im IKEA-Biotop schafft es die Rohrammer nicht unter die vier Arten mit den stärksten Fangzahlen und wird von Sumpfrohrsänger und Zilpzalp auf Platz 6 verwiesen. Schon seit 2009 sieht man bei der Rohrammer einen kontinuierlichen Abwärtstrend. Doch dies sollte man noch nicht überbewerten, da die angesprochenen statistischen Verzerrungen (Datenlücke im Hauptdurchzugsfenster und um die Mittagszeit der Beringungstage) die Fangzahlen zumindest bei uns enorm verfälschen. Fakt ist, dass gerade in den letzten beiden Jahren enorme Rückgänge zu verzeichnen sind. Die interessante Frage wird sein, ob andere Beringer einen ähnlichen Trend sehen.

Rangfolge der Arten nach Zahl der Neuberingungen 2013 im Vergleich mit 2012


Mittelhäufige Arten - von ausbleibenden Invasionen

Der Spätherbst ist üblicherweise die Zeit, in der auch ungewöhnliche Zugbewegungen festgestellt werden. So war z.B. 2010 ein Jahr, in dem viele Waldvögel im Saarland in untypischen Biotopen gesichtet (und von uns auch gefangen) wurden. Das Jahr 2012 war geprägt von invasionsartigem Auftreten von Singdrosseln, Blau- und Kohlmeisen, bei denen insbesondere letztere durch ihre fremdartigen Rufe auch an vielen anderen Stellen Deutschlands auffielen (vgl. avesrares.wordpress.com - "freaky great tits"). Die vergangene Beringungssaison war dagegen was diese Arten angeht vergleichsweise ruhig, die erzielten Fangzahlen fielen zurück auf den durchschnittlichen Stand der Vorjahre.
Auch die sonst im Saartal in großer Zahl auftretenden Erlenzeisige blieben wohl aufgrund des milderen Wetters größtenteils in nördlicheren Gefilden. Gerade einmal zwei Vertreter dieser Art konnten im Herbst 2013 beringt werden (2012: 42 Ex.).

Alpen-Birkenzeisig (Carduelis [flammea] cabaret)
Eine späte kleine Invasion konnte aber bei den verwandten Birkenzeisigen (Unterart cabaret) festgestellt werden. Speziell Ende November und Anfang Dezember waren diese kleinen Finken an vielen Stellen im Saartal in teilweise recht großen Trupps auf Nahrungssuche bzw. als Durchzügler feststellbar. Auch bei der Beringung konnten immerhin 4 Individuen gefangen werden (2012: 2 Ex., darunter auch 1 Ex. der nordischen Unterart flammea), ein Trupp von ca. 20 Birkenzeisigen konnte daneben über mehrere Tage hinweg beobachtet werden.



Seltene Arten - Spätes Glück und Bestimmungsproblematik


Zwergschnepfe (Lymnocryptes minimus)
Das erste Highlights kurz vorweggenommen: Endlich konnte nach zwei erfolglosen Jahren wieder eine Zwergschnepfe gefangen werden! Zuletzt war uns diese Art 2010 in die Netze gegangen. Zwergschnepfen, die übrigens sehr nahe mit der Bekassine - dem Vogel des Jahres 2013 - verwandt sind, rasten fast alljährlich im IKEA-Biotop. Die wenigen Tiere treten aber meist dort auf, wo sie ungestört sind - also weit von den Netzen entfernt. Für unser Team war dieser Fang insofern sehr erfreulich.

Nach dem erneuten Ausbleiben der ganz großen Highlights bis Ende September haben wir schon fast die Hoffnung auf Sensationen aufgegeben, doch pünktlich zu Beginn der 2. Zughälfte wurden wir am Abend des 02.10. von einem seltenen Anblick im Netz überrascht: Der oben gezeigte Raubwürger hing inmitten des höchsten Schilfbestands des Gebiets im Netz, eigentlich ein Vegetationstyp, der so gar nicht zu dieser Art passt, die sonst in Offenlandbereichen ihre Nahrung jagt: Großinsekten, Mäuse, etc. In der Vergangenheit wurden bereits zwei Raubwürger an anderen Stellen im IKEA-Biotop gefangen, also insofern auch keine große Sache, sollte man meinen.

Raubwürger (Lanius [excubitor] homeyeri(?)) - Schwanzzeichnung
Zwei vollständig weiße äußere Schwanzfedern!
Erst bei genauerem Hinsehen fiel dann auf, dass die Merkmale dieses speziellen Raubwürgers sehr gut zur östlichen Unterart homeyeri passen, die im Bereich des Kaukasus bis Sibirien vorkommt. Die beschriebenen Merkmale dieser Unterart umfassen ein durchschnittlich helleres Erscheinungsbild mit ausgedehnten Weißzeichnungen im Flügel und vor allem im Schwanzmuster. Kann das sein? Vieles spricht dafür... doch es gibt einen Haken: Die Variation dieser Spezies. In der Fachliteratur gibt es keine Übereinstimmung über die Abgrenzung der Unterart homeyeri zu unseren heimischen excubitor-Raubwürgern und viele Feldornithologen warten derzeit auf eine Veröffentlichung zu dieser Thematik. Unser Team kam dann zu dem Schluss, die Dokumentationsaufnahmen anerkannten Experten zur Verfügung zu stellen und bis zum Urteil der Fachwelt bei der Bestimmung als homeyeri zu bleiben. Nichts desto trotz muss diese Unterart aufgrund ihrer Seltenheit in Deutschland bei der Deutschen Avifaunistischen Kommision (DAK) dokumentiert werden wird hier von angesehenen Ornithologen überprüft. Bis zur abschließenden Bewertung ist dieser Fang also noch mit einem Fragezeichen zu versehen.


Sibirischer Zilpzalp (Phylloscopus [collybita] tristis)
mit verklebtem Gefieder um den Schnabel
Ähnlich verlief es bei einem weiteren späten Fang: Ein (vermutlicher) Sibirischer Zilpzalp der Unterart tristis konnte Mitte November überraschend gefangen und beringt werden. Auch hier muss die Bewertung zwar abschließend durch die DAK erfolgen, doch aus unserer Sicht ist der Fall hier etwas klarer. Bereits 2009 wurde ein mittlerweile bestätigter tristis-Zilpzalp im IKEA-Biotop gefangen, mit sehr ähnlichen Merkmalen. Im Vergleich mit den bei uns brütenden collybita wirkt der tristis-Zilpzalp wesentlich heller und zeigt kaum Gelbtöne in der Gefiederfärbung. Seine Beine sind sehr dunkel und vor allem - was wir zum Glück nach meheren Minuten Wartezeit auch feststellen konnten - hat er einen speziellen Ruf. Auch die Bilder sprechen aus unserer Sicht Bände.

Der direkte Vergleich - Sibirischer Zilpzalp (Phylloscopus [collybita] tristis) (l.)
und sein mitteleuropäischer Verwandter, Zilpzalp (Phylloscopus [collybita] collybita) (r.)


Schlusswort: 2014 steht bevor

Das alte Beringungsjahr ist Geschichte, ein neues bricht an. Auch 2014 werden wir wieder so gut es geht versuchen, Beringungsaktionen durchzuführen, beginnend mit der Erfassung des Frühjahrszugs.

Doch zunächst werden wir noch in anderer Mission aktiv: Im IKEA-Biotop wurde eine kleine aber feine Umgestaltungsmaßnahme bewilligt, die durch großzügige und tatkräftige Unterstützung des Tiefbauamts der Stadt Saarlouis in den nächsten Tagen durchgeführt wird. Es soll eine neue Flachwasserzone und ein abgetrenntes Tiefgewässer entstehen, welche das Angebot an Nahrung und Rastplätzen für Brut- und Zugvögel erweitern. Daneben soll ein Graben an der Grenze des Biotops gezogen werden, der Störungen z.B. durch unbefugtes Betreten verhindern soll. Wir sind gespannt, welche Auswirkungen diese Maßnahme auf das Artenspektrum und den Bestand haben wird.

Wir freuen uns schon auf neue spannende Fänge und Geschichten!

Im Namen der Beringungs-AG,
Sebastian Kiepsch

01.10.2013

Zwischenbericht vom Herbstzug 2013


Der Herbstzug 2013 ist im IKEA-Biotop bereits im vollen Gange und für einige Arten bereits so gut wie vorüber, es ist an der Zeit schon einmal zurückzublicken auf die Ergebnisse der letzten Wochen.


Wetter: Viel Sonnenschein im August und Rekordregenmengen im September

Neuntöter (Lanius collurio)
Ein Jungvögel aus der Brut 2013, der ersten Brut des
Neuntöters im IKEA-Biotop seit über 10 Jahren
Das Wetter war in dieser ersten Zughälfte überwiegend positiv. Von Ende Juli bis Anfang September sank durch lange und beständige Phasen mit Sonnenschein der Wasserstand immer weiter ab, die Schlickflächen lagen offen. Das Nahrungsangebot für die im Biotop brütenden, bodenbewohnenden Rallen und durchziehende Watvögel war ausgezeichnet und so konnten zahlreiche Fänge und Beobachtungen von Vertretern beider Artengruppen verzeichnet werden. Auch spät brütende Arten, die Ende Juli noch mit der Jungenaufzucht beschäftigt sind, profitierten vom guten Wetter - so z.B. auch das im Biotop brütende Neuntöter-Paar, das mindestens 2 ausgeflogene Jungvögel hervorbrachte.

Das Kontrastprogramm zum freundlichen Wetter im Juli und August folgte Anfang bis Mitte September: Ein Sturmtief brachte nach langer Hochdruckphase über zwei Wochen hinweg viel Regen. Den traurigen Höhepunkt dieser Phase stellte eine Gewitterfront dar, die ausgerechnet in der Nacht auf unseren Tag der offenen Tür am 08.09. ankommen musste und mit ca. 30 l/m² das Gebiet regelrecht überflutete, aber im Gegensatz dazu die Besucherflut in Grenzen hielt.


Tag der offenen Tür: Es gibt kein schlechtes Wetter...

...nur schlechte Ausrüstung: Das erste Opfer des ankommenden Gewitters war ein Pavillon, der gegen 02:00 Uhr unter der Last extremer Regenmengen in kürzester Zeit zusammen brach und irreparabel beschädigt wurde. Dieser wurde kurzerhand morgens in ein "Sonnensegel" umfunktioniert.

Wendehals (Jynx torquilla)
Ohne Zweifel der Publikumsliebling des Tages
Noch im letzten Jahr beklagten sich einige Besucher über die extreme Hitze bei strahlendem Sonnenschein bei über 30 °C. Dieses Problem hatten wir in diesem Jahr definitiv nicht. Bis zuletzt sorgte sich unser gesamtes Team, ob man angesichts des Regens überhaupt die Netze aufmachen und fangen könnte. Zum Glück war aber mit dem ausgerufenen Beginn um 9:00 Uhr auch das Gröbste überstanden und der Beringungsbetrieb konnte regulär weiterlaufen. Über den Tag hielt das Wetter dann erstaunlich lange und lockte speziell am Nachmittag auch den einen oder anderen Interessierten ins IKEA-Biotop.

Insgesamt war der 4. Tag der offenen Tür im IKEA-Biotop einigermaßen erfolgreich und wer kam, konnte auch einige beeindruckende Fänge bestaunen, darunter eine Lachmöwe, ein Kleinspecht, mehrere Blaukehlchen und ein Wendehals.

An dieser Stelle sei nochmals allen Helfern gedankt, die zu diesem Tag beigetragen haben! Ohne euch wäre der Tag der offenen Tür nicht möglich!


Allgemeine Ergebnisse: Früher Start der Erfassung

Der Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris)
verbringt gerade einmal 3 Monate in Mitteleuropa
In diesem Jahr begann die Herbstzugerfassung bereits am 21. Juli. Dies sollte insbesondere den Zug der Sumpfrohrsänger genauer aufschlüsseln, einer der sehr früh ziehenden Arten. In den letzten Jahren lief die Brutzeiterfassung stets bis Ende Juli, erst ab August wurde mit der zeitlich intensiveren Herbstzugberingung begonnen. Zu diesem Zeitpunkt ist aber der Zughöhepunkt der Sumpfrohrsänger fast schon erreicht. Es konnte also kein verlässlicher Zeitpunkt für den Zugbeginn im Saarland angegeben werden. Ähnlich verhält es sich auch bei anderen Arten, die schon früh aufbrechen.

Gartengrasmücke (Sylvia borin)
Der Zug ins Winterquartier beginnt für sie schon im Juli
Das Ziel der Juli-Aktion lag aber auch in der Aufklärung, ob sich das Artenspektrum während des sehr frühen Zugs im Juli sich von dem im August unterscheidet. In der Vergangenheit wurde anhand großer Fangzahlen gegen Ende der Brutzeit schon vermutet, dass ein beachtlicher Teil des Zuges sozusagen "übersehen" wird. Auch die Brutzeitfänge zweier Karmingimpel 2010 und 2012 zeigten, dass mit dem Auftreten ungewöhnlicher Arten zu rechnen ist.

Was die frühe Erfassung zeigte: Große Überraschungen gab es keine, aber einige kleine. So ist der Zug bei Watvögeln wie dem Flussuferläufer und dem Waldwasserläufer gegen Ende Juli schon sehr ausgeprägt. Auch je ein Wendehals und Eisvogel wurden gefangen, die sonst erst Mitte August ihren Zug antreten.


Häufige Arten: Viele Grasmücken und späte Rohrsänger

Dorngrasmücke (Sylvia communis)
Wie die anderen Grasmücken auch frisst sie Ende August
sehr häufig an den Brombeersträuchern im IKEA-Biotop
Auffallend  waren in diesem Jahr an allererster Stelle die enormen Fangzahlen bei Dorn- und Gartengrasmücke, mit einem Rekordergebnis von jeweils über 300 Exemplaren! Insbesondere im Vergleich mit dem Mittelwert der Vorjahre sticht 2013 hervor. Die Ursachen liegen wohl in zwei Gründen: Zum Einen war der Bruterfolg 2013 für spät brütende Arten groß, da das Wetter in der zweiten Hälfte der Brutzeit sehr stabil war. Zum anderen spielt auch der Wandel der Vegetation im Biotop eine Rolle, denn gerade die sich ausbreitenden Brombeergebüsche werden von Grasmücken bei der Nahrungssuche angeflogen.

(KLICKEN ZUM VERGRÖSSERN)
Zahl der Neuberingungen für Dorn- und Gartengrasmücke pro Tag
von Ende Juli (JL3) bis Ende Oktober (OK3), in Dekaden (10-Tages-Intervalle).
Man beachte die im Verhältnis gewaltigen Zahlen Ende August (AU3)
Trotz geringerer Beringungstätigkeit: Nach 2009 und 2010 konnten erneut über 2.500 Teichrohrsänger beringt werden und der Zug ist noch nicht ganz beendet! Sogar die Rekordzahl scheint noch in greifbarer Nähe zu sein. Dies zeigt einerseits, dass der Bruterfolg in diesem Jahr offenbar recht gut war, andererseits aber auch, dass das Gebiet den Massen rastender Rohrsänger (teils über 200 pro Tag auf 5 Hektar) genügend Nahrung bietet. Der Zug der Teichrohrsänger scheint dabei im Vergleich mit den Daten der Vorjahre zeitlich etwas nach hinten verschoben zu sein, was eventuell für eine große Zahl später Bruten sprechen könnte.
(KLICKEN ZUM VERGRÖSSERN)
Zahl pro Tag neu beringter Teichrohrsänger, aufgetragen in Dekaden (10-Tages-Intervalle)
von Ende Juli (JL3) bis Ende Oktober (OK3). 2013 setzte der Zug später ein als im Mittel 2006-2012

Mittelhäufige Arten: Gewinner und Verlierer

Rekordfangzahl beim Eisvogel (Alcedo atthis)
Bisher wurden 2013 bereits 20 Exemplare beringt
Wie bereits im letzten Beitrag beschrieben ist die natürliche Sukzession (die Entwicklung der Vegetation im Biotop) ein Hauptgrund für die Veränderungen in Fangzahlen und Artenspektrum. Große Abnahmen konnten wir vor allem bei Neuntötern und Orpheusspöttern feststellen, die offene Landschaften mit einzelnen Gebüschen bevorzugen. Außer dem Neuntöter- Brutpaar und seinem Nachwuchs wurden nur wenige weitere Durchzügler gefangen. Ähnlich bei den Orpheusspöttern, der Art, die offenbar am stärksten auf die Veränderungen im Biotop reagiert.

Einen anhaltend negativen Trend sieht man bei der Rauchschwalbe, die seit Jahren immer seltener im Biotop wird. Die Schwalben suchen das Gebiet abends als Schlafplatz auf, jedoch war dieser 2013 nicht jeden Tag besetzt. Ob dies der Entwicklung des Biotops oder dem bundesweit abnehmendem Trend dieser Art geschuldet ist, bleibt offen.

Der Schilfrohrsänger, der im letzten Jahr einen Einbruch der Fangzahl um 60% zeigte, ist 2013 wieder auf den Stand der Vorjahre zurückgekehrt. Die genauen Gründe für die Entwicklung im letzten Jahr sind unklar. Vermutlich spielt auch die frühe Zugphase im Juli eine große Rolle für den Schilfrohrsänger, was die Fangzahlen dieses Jahres zeigen.

Feldschwirl (Locustella naevia)
Optisch unscheinbar, akustich unverkennbar:
Sein Gesang ähnelt den Lauten von Heuschrecken.
Steigende Trends sind vor allem bei den Arten zu erkennen, die dichtere und höhere Vegetation bevorzugen: Die Nachtigallen zeigen im Vergleich mit den Vorjahren leicht höhere Fangzahlen, der Fitis hat sogar ein Rekordergebnis erzielt (ca. 150 Beringungen). Ebenfalls Rekord-Fangzahlen stellten daneben  auch der Eisvogel (>20 Beringungen), der Wendehals, der Feldschwirl und das Blaukehlchen auf. Insbesondere bei letzterer Art spielt dabei aber wahrscheinlich auch die bundesweite Bestandsentwicklung eine Rolle, die in den letzten Jahren sehr positiv ist.

Erfreulich ist 2013 auch die Bilanz bei Teich- und Wasserrallen. Durch den niedrigen Wasserstand konnten diese Bodenbewohner, die öfter laufen als fliegen, besonders häufig gefangen werden. Gerade die späten Bruten scheinen dabei sehr erfolgreich gewesen zu sein, was der hohe Anteil noch nicht ausgewachsener Jungvögel belegt.


Seltene Arten: Wieder Zwergdommeln und Tüpfelrallen auf dem Herbstzug!

Vorab sei gesagt: Extreme Raritäten sind in diesem Jahr bislang leider keine aufgetreten, dennoch gab es einige äußerst interessante Fänge bei den Arten, die im Biotop nur selten gefangen werden.
Juvenile Zwergdommel (Ixobrychus minutus)
Erst die 3. Beringung dieser Art im IKEA-Biotop.
Man beachte die vereinzelten Flaumfedern in Kopf- und Körpergefieder
Der bemerkenswerteste Fang bestand in gleich 2 Zwergdommeln, der kleinsten einheimischen Reiherart. Die eine - ein Jungvogel - zeigte noch einige Flaumfedern im Gefieder, die Vermutung liegt daher nahe, dass dieser Jungvogel einer nahe gelegenen (übersehenen) Brut entstammt, was für das Saarland ein wertvoller Nachweis wäre! Die andere, ein adultes Weibchen, ist uns bereits sehr gut bekannt: Sie wurde 2010 beringt und tauchte auch 2011 bereits zur Zugzeit wieder auf. In diesem Jahr blieb sie für mehrere Wochen im Gebiet und wurde desöfteren gefangen. Ihr Gewicht hat sie dabei innerhalb weniger Tage um ca. 50% erhöht, ein Indiz für ein gutes Nahrungsangebot. Eine solche Standorttreue bei der Rast der Zwergdommel (außerhalb ihres eigentlichen Brutgebiets) ist unseres Wissens in der Form noch nicht festgestellt worden.

Tüpfelralle (Porzana porzana)
Nach 2010 endlich wieder Nachweise beim Herbstzug!
Ebenfalls erfreulich: Die Tüpfelralle ist nach 2010 endlich wieder auf dem Herbstzug nachgewiesen worden - und das gleich in Rekordzahl: Ganze 5 Jungvögel wurden gefangen und beringt. Dieser Bodenbewohner brütet nicht im Saarland und wird nur selten rastend beobachtet. Der Großteil der Nachweise der letzten Jahre, meist 1-2 jährlich, gelang unserem Team durch Fang und Beringung. Dass im IKEA-Biotop aber ein so reger Durchzug der Tüpfelralle herrscht, hätten auch wir nicht vermutet.


Aus saarländischer Sicht selten: Auch der Rohrschwirl war 2013 mit 5 Fängen während des Herbstzugs wieder vertreten. Diese und die beiden während des Frühjahrszugs gefangenen Rohrschwirle sind gleichzeitig laut ornitho.de die einzigen im Saarland beobachteten Vertreter ihrer Art im Jahr 2013. Definitiv eine Art, die ohne die Beringungstätigkeit übersehen bliebe.

Flussuferläufer (Actitis hypoleucos)
Im Saarland kein Brutvogel, nur auf dem Zug zu sehen
Eine echte Überraschung in diesem Jahr sind die Fangzahlen bei Limikolen (Watvögeln), allen voran ganze 7 Flussuferläufer. Vor 2013 gab es gerade mal 2 Fänge dieser Art! Ebenfalls überraschend: Unter ihnen war ein beringtes Exemplar, das mit einem Ring der Vogelwarte Stockholm gekennzeichnet wurde. Woher genau der Vogel stammt, erfahren wir aber leider erst mit Zeitverzögerung. Angesichts der wenigen Gesamtfänge dieser Art aber sehr spannend!


Schlusswort: Noch ist vieles drin...

Die bisherige Beringung 2013 war erfolgreich, aber brachte noch keine extremen Besonderheiten, wie in manch einem der Vorjahre. Doch die zweite Zughälfte ist berüchtigt für Irrflügler aller Art, die z.B. einfach in die falsche Richtung fliegen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Sibirische Arten in Mitteleuropa auftauchen. Gerade die bei Tag ziehenden Rohrammern (Ende September bis Ende Oktober) sind häufiger mit nordischen Seltenheiten vergesellschaftet. Insofern heißt es einfach dran bleiben!

Im Namen des gesamten Teams der Beringungsstation,
Sebastian Kiepsch

29.08.2013

Ankündigung: Tag der offenen Tür 2013


 Anlässlich des 5-jährigen Bestehens der Beringungsstation "Mittleres Saartal" möchten wir Sie einladen zu unserem 4. Tag der offenen Tür:

Am Sonntag, den 08. September 2013, von 09:00 Uhr bis 16:00 Uhr

An der Beringungsstation „Mittleres Saartal“, Im Hader, Saarlouis-Lisdorf
hinter dem IKEA-Komplex, an der Lieferantenzufahrt. Parkmöglichkeiten bestehen direkt vor Ort bzw. auf den Parkplätzen von IKEA.

Programm:
- Beringungsvorführungen um 09:00 Uhr, 11:00 Uhr und 14:00 Uhr
- Geführte Exkursionen „rund ums Biotop“ um 12:30 Uhr und 15:00 Uhr

- Gelegenheit zum Blick ins IKEA-Biotop auf unserem Aussichtsturm


Für das leibliche Wohl ist wie immer bestens gesorgt:
Neben Getränken bieten wir Kaffee & Kuchen sowie verschiedene Grillwürstchen an.

Der Eintritt und die Teilnahme an Vorführungen und Exkursionen sind natürlich kostenlos.

Mehr Informationen:


 Tag der offenen Tür 2012
Beringungvorführung
Seit nunmehr fünf Jahren ist die Beringungsstation "Mittleres Saartal" in Saarlouis-Lisdorf in Betrieb. In diesem Zeitraum sind vor Ort etwa 50.000 Vögel von über 100 verschiedenen Arten gefangen, beringt und wieder frei gelassen worden.

Die rein ehrenamtlichen Mitarbeiter, die zur Herbstzugzeit von August bis Oktober oftmals von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang vor Ort sind, leisten mit ihrem Einsatz einen wertvollen Beitrag zur wissenschaftlichen Ornithologie. Neben dem lokalen Monitoring, also der kontinuierlichen, langfristigen Erfassung des Vogelbestands im Gebiet, werden die an der Station erhobenen Daten auch in überregionalen Projekten verwendet, z.B. zur Aufklärung von Zugrouten. Bei dieser Arbeit können alle Besucher am Tag der offenen Tür gerne zuschauen und hautnah miterleben, wie vielfältig und faszinierend unsere Vogelwelt ist.

Bekassine (Gallinago gallinago)
gefangen am Tag der offenen Tür 2012
Wir bieten Ihnen mehrere Beringungsvorführungen an, bei denen sie neben Wissenswertem zur Beringung und den einzelnen Arten auch die Möglichkeit erhalten, verschiedenste Vögel aus nächster Nähe zu sehen. In den letzten Jahren waren dabei stets auch einige Highlights zu bestaunen.

Gelegenheit zum Blick in das 5 Hektar große Gebiet haben Sie von unserem Aussichtsturm, der allen Besuchern offen steht. Zusätzlich bieten wir zwei kurze Exkursionen "ums IKEA-Biotop" und zur Schleuse Ensdorf an, bei denen wir Ihnen das Gebiet, das naturräumliche Umfeld und natürlich auch die Bewohner des Biotops vorstellen möchten. Das IKEA-Biotop, inmitten des Saartals gelegen, bietet eine reichhaltige Artenvielfalt - nicht nur der Vogelwelt - auf engstem Raum. Wir möchten Ihnen zeigen, warum diese grüne Oase inmitten von Industrie, Gewerbe und Siedlung so erfolgreich ist.

Über Ihr Kommen würden wir uns sehr freuen, wir hoffen auf viele Interessierte, gute Gespräche und wie immer viele spannende Fänge!

Im Namen der gesamten Beringungs-AG,
Sebastian Kiepsch & Rolf Klein