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19.09.2019

Das IKEA-Biotop liegt trocken

Hallo zusammen!

Der zweite trockene Sommer in Folge hat deutliche Spuren im IKEA-Biotop hinterlassen, zum ersten Mal seit seiner Entstehung 1997 ist die Wasserfläche im IKEA-Biotop vollständig ausgetrocknet.

Blick auf die ausgetrocknete Wasserfläche durch das Netz für Wasservögel
(Foto: T. Hoffmeister)

Aufgerissener Boden durch anhaltende Trockenheit.
(Foto: T. Hoffmeister)
Gut ein Drittel des Gebietes bestehen aus Feucht- und Wasserflächen mit gewöhnlich bis zu einem Meter Wassertiefe. In den niederschlagsarmen Sommermonaten entstehen hier regelmäßig Schlickflächen und Flachwasserzonen, welche besonders für Limikolen und Rallen interessante Rastflächen bieten. Bereits im letzten Jahr ging der Wasserpegel während der sommerlichen Dürre bis auf wenige Zentimeter zurück, die Gewässerbereiche schrumpften tagtäglich. Nur durch vereinzelte Gewitter konnte sich im Sommer 2018 überhaupt etwas Wasser halten.

Nur von kurzer Dauer: Wenn wie hier Regen fällt, hält er sich
nur wenige Tage. In wenigen Tagen versickern  auch ergiebige
Regenmengen. Offenbar ist der Grundwasserstand auch betroffen.
(Foto: T. Hoffmeister)
In diesem Jahr sollte sich dann die Lage nochmals verschärfen: Der zweite Dürresommer in Folge hatte Saarlouis fest im Griff. Mit nur wenigen Regentagen und weit unterdurchschnittlichen Regenmengen waren die letzten drei Monate einfach zu viel: Das Gebiet liegt seit einigen Wochen mehr oder weniger auf dem Trockenen. Die wenigen Regengüsse des Sommers haben zwar kurzzeitig für Erfrischung gesorgt, doch das Gebiet war nur scheinbar wieder mit Wasser gefüllt. Die Oberflächenwässer, sowie die eingeleiteten, gefilterten Dachwässer des IKEA-Komplexes sind binnen weniger Tage wieder versickert. Der Grundwasserspiegel scheint offenbar nach 2018 immer noch vorgeschädigt zu sein.

Veränderungen im Gebiet ursächlich

Blick in die Vergangenheit: Noch 2010 war die Wassertiefe
verbreitet über 1,20 Meter. Heute wird dieser Wert zu keinem
Zeitpunkt mehr erreicht.
(Foto: S. Kiepsch)
Doch ist alleine die Dürre daran schuld? Wir sagen nein! Das IKEA-Biotop ist ein dynamisches System, das sich in den letzten 20 Jahren seit seiner Entstehung auch grundlegend verändert hat. Der bis heute anhaltende Aufwuchs der gesamten Vegetation hat dazu geführt, dass alljährlich eine große Menge an Biomasse entsteht, die beim Absterben zunächst im Gebiet verbleibt. Hinzu kamen über viele Jahre auch groß Mengen an Flugsedimenten von nahegelegenen Baustellen (z.B. IKEA-Anbau, Straßenneubau B269n, Industriegebiet Lisdorfer Berg).

An naturnahen Standorten kann durch Hochwässer eine Erosion und Abspülen dieser Einträge erfolgen, im künstlich angelegten IKEA-Biotop ist dies aber praktisch ausgeschlossen: Der tiefste Punkt des Biotops liegt immer noch höher als die benachbarte Saar-Staustufe Lisdorf/Ensdorf. Selbst wenn die Saar Hochwasser führt, ist im IKEA-Biotop davon nichts zu bemerken. In der Folge beobachtet man eine Jahr für Jahr zunehmende Verlandung der Wasserbereiche, die spürbar zum Absinken der Wassertiefe – auch im komplett gefüllten Zustand – geführt hat. Wenn ohnehin weniger Wasser vorhanden ist, dann ist die Auswirkung von Dürreereignissen umso größer.

Aus unserer Sicht ist hier dringend eine großangelegte Pflegemaßnahme mit Ausbaggern der Wasserfläche erforderlich, um die Gewässer und das gesamte Gebiet in ihrem Charakter zu erhalten. Als ausgewiesenes Natura 2000 Vogelschutzgebiet sind diese Erhaltungsmaßnahmen sogar als Pflichtaufgabe der lokalen Naturschutzbehörden gesetzlich verankert. Hier müssen nun aber auch Taten folgen.

Welche Auswirkungen sind zu erwarten?

Für das Gewässerökosystem bedeutet 2019 einen Einschnitt. Durch das Austrocknen werden Totalverluste für Wasserschnecken und gewässerbewohnende Insekten wie z.B. Libellenlarven und Wasserkäfern befürchtet. Dies bedeutet im nächsten Jahr ein wohl geringeres Nahrungsangebot für andere Tierarten, neben Vögeln sind natürlich auch Amphibien und Reptilien betroffen. Ob sich dies auf die Brutvögel auswirken wird, werden wir versuchen im Rahmen unserer Brutzeiterfassung zu überprüfen.

Tüpfelsumpfhuhn, noch 2018 wurden 5 Individuen beringt.
2019 wurde  die Art noch nicht im Gebiet nachgewiesen.
(Foto: S. Kiepsch)
Ein komplettes Absterben des Fischbestands im IKEA-Biotop konnte bereits vor einigen Wochen beobachtet werden, als der Sauerstoffgehalt des Wassers wohl zu gering wurde. Allerdings handelte es sich dabei größtenteils um illegal ausgesetzte Goldfische, die ohnehin nur durch menschliche Eingriffe ins Gebiet kamen. Zumindest diese Entwicklung kann sich in den Folgejahren unter Umständen auch positiv auswirken: Ein fischfreies Gewässer bedeutet für viele Insektenlarven und Amphibienlaich ein Fehlen von Fressfeinden. Damit könnte sogar im günstigsten Fall eine Neuansiedelung einiger Arten einher gehen.

Dürre anhand Beringungsergebnissen nachvollziehbar

Einer von insgesamt drei Flussregenpfeifern (Foto: T. Hoffmeister)
Die Auswirkungen des Wetters schlagen sich auch unmittelbar auf die Fangergebnisse der Beringungsstation nieder: Das wenige Wasser hat dazu geführt, dass dieses Jahr nur wenige Limikolen und Rallen gefangen wurden. In diesem Jahr wurde bislang kein Tüpfelsumpfhuhn gefangen, zuletzt war dies 2016 der Fall. Auch Limikolen machen sich rar: Nur jeweils Bekassinen und Flussuferläufer konnten im Sommer gefangen werden (vgl. 2018: 13 Bekassinen, 6 Flussuferläufer). Allerdings: Eine neue Art entdeckt das plötzlich veränderte IKEA-Biotop für sich: Die ausgetrockenen Gewässerbetten wirkten attraktiv auf Flussregenpfeifer, die zum ersten Mal überhaupt gefangen werden konnten! An mehreren Terminen wurden insgesamt drei Individuen beringt, so dass man hier nicht bloß von Zufall ausgehen muss.

Im Namen der NABU-Beringungs-AG,
Thorin Hoffmeister & Sebastian Kiepsch

01.06.2016

Jahresbericht 2015

Hallo zusammen!

Zwergammer, beringt am 07.11.2015 - eines der Highlights des Jahres 2015.
Dritter Nachweis im Saarland nach den beiden Fängen 2001 bzw. 2011.
Mit einiger Verspätung, aber dafür umso umfangreicher folgt der angekündigte Jahresbericht 2015 der NABU-Beringungsstation. Wir blicken zurück auf eines der erfolgreichsten Jahre unserer Arbeit, das nur durch den ehrenamtlichen Einsatz zahlreicher Personen möglich war. Neben der Fortsetzung unserer langjährigen Erfassungsprogramme stand 2015 im Zeichen einiger Veranstaltungen an der Beringungsstation. Auch die pädagogische Arbeit, seit jeher ein großes Anliegen unseres Teams, konnte erfolgreich fortgesetzt werden.


Überblick über die Tätigkeit 2015

Netzschneise mit einigen gefangenen Vögeln.
An Massentagen des Herbstzugs sind 20 Fänglinge pro
Netz möglich. Bei 40 Netzen sollten idealerweise 6-7
Personen mithelfen. Nur selten war dies 2015 gegeben.
Die personelle Lage an der NABU Beringungsstation "Mittleres Saartal" war zum Jahreswechsel 2014/15 äußerst angespannt. Der Kern der NABU Beringungs-AG, welche die Station betreut, ist auf sechs Personen geschrumpft, von denen drei nur noch selten die Zeit für lange Beringungsaktionen aufbringen können. Dementsprechend fehlten bis zu fünf Beringungshelfer, was sich insbesondere an den stärksten Tagen des Jahres zeigte. Die Zielsetzung 2015 lag aus diesem Grund auch primär auf der bestmöglichen Fortführung der drei Erfassungsprogramme (Brutzeit, Frühjahrszug, Herbstzug), mit einem Fokus auf dem Herbstzug, der die individuenstärkste und artenreichste Phase des Jahres ist.

Das Ergebnis eines einzigen Rundgangs im August:
Ca. 150 Fänglinge warten in Stoffsäckchen an der
Beringungsstation auf die Beringung.
Insgesamt wurde an 141 Tagen des Jahres beringt, an den meisten davon nicht ganztägig. Der gesamte Zeitaufwand betrug zusammengerechnet ca. 1.700 Stunden, was in Vorjahren oft deutlich übertroffen wurde.Trotz der reduzierten zeitlichen Abdeckung gelang das zweitstärkste Fangergebnis nach dem Rekordjahr 2010. Dies lässt sich nicht zuletzt durch die große Anzahl an Massenzugtagen begründen. Ganze zehn Mal wurde die Marke von 250 Neuberingungen an einem Tag geknackt, fünf Mal davon waren es sogar über 300 Individuen. Der stärkste Fangtag im vergangenen Jahr war der 29.08.2015 mit 385 gefangenen Individuen (Beringungen + Kontrollfänge). Erwähnenswert ist hier auch eine extrem starke Zugwelle Ende Oktober, was in dieser Ausprägung so bislang einmalig war: 327 Individuen konnten z.B. am 24.10.2015 gefangen werden, der stärkste Tag, der je im Oktober registriert wurde.

Hier eine Zusammenfassung der Ergebnisse des letzten Jahres:
  • 10.088 Individuen beringt
  • 83 Arten beringt
  • 2.730 Kontrollfänge bereits beringter Vögel
  • 274 Altfänge (beringt vor 2015) 
  • 34 Fremdfänge anderer Beringer) u.a. aus Schweden, Norwegen, Finland, Litauen, u.v.a.


Veranstaltungen/Pädagogische Arbeit 2015

Bei den ca. 20 Beringungsvorführungen 2015 konnten vor
allem Kinder und Jugendliche einen Einblick in die
Artenvielfalt im IKEA-Biotop gewinnen
Seit Bestehen der NABU Beringungsstation wird neben der wissenschaftlichen Tätigkeit vor allem auch Umweltpädagogik betrieben, um insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für die heimische Natur und Artenvielfalt zu schaffen. Doch auch Erwachsene wurden im Rahmen der ca. 20 (!) Beringungsvorführungen des vergangenen Jahres über die Arbeit unseres Teams informiert. Darüber hinaus sind einige Veranstaltungen erwähnenswert, an denen das Team der Beringungsstation mitwirkte bzw. die direkt von uns organisiert wurden:

Hoher Besuch zum Tag der Artenvielfalt 2015:
Der saarländische Umweltminister Reinhold Jost (r.) stattete
der Beringungsstation einen Besuch ab.
Den Anfang machte der GEO Tag der Artenvielfalt vom 26.06.-27.06.2015, wir berichteten. Diese alljährliche Veranstaltung, organisiert durch die Delattinia (Naturforschende Gesellschaft des Saarlands), fand 2015 in Saarlouis statt, der ornithologische Teil wurde an der Beringungsstation ausgegliedert. Erwähnenswert ist auch die Durchführung eines Erlebniscamps für Kinder und Jugendliche, an dem das Team der Beringungsstation mitwirkte.

Die einzige Veranstaltung außerhalb der Beringungsstation fand am 22.07.2015 im Rosseltal bei Großrosseln statt. Dieses ehemals durch die Folgeschäden des Bergbaus geprägte Flusstal wurde bis 2005 aufwendig durch die RAG AG in Kooperation mit NABU und dem Umweltministerium des Saarlands renaturiert. Zum 10-jährigen Jubiläum des erfolgreichen Abschlusses der Arbeiten wurde im Rahmen einiger Vorführungen die wieder vorhandene Artenvielfalt gefeiert. Das Team der Beringungsstation beteiligte sich mit einer mobilen Beringungsaktion.

Bei einer mobilen Beringungsaktion im Rosseltal zwischen
Ludweiler und Großrosseln gelang u.a. auch ein Kontrollfang
eines in Saarlouis-Lisdorf beringten Eisvogels.
Wie in den Vorjahren gab es auch am 30.08.2015 wieder einen Tag der offenen Tür der Beringungsstation, an dem trotz Temperaturen von über 35 °C knapp 200 Besucher den Weg zu uns fanden, siehe auch unser Bericht dazu. Auch 2016 ist wieder ein Tag der offenen Tür geplant.

Ein Novum gab es am 10. und 11.10.2015 mit einem Seminar für Beringer. In Kooperation mit dem Proring e.V. wurde unter dem Titel "Alters- und Geschlechtsbestimmung an Singvögeln" ein praktischer Workshop an der Beringungsstation veranstaltet, zu dem eine kleine Gruppe von 10 Beringern aus ganz Deutschland angereist war. Einen Bericht zu dieser Veranstaltung gibt es hier.


Zum Zustand des IKEA-Biotops

Die 2014 umgestaltete Flachwasserzone entwickelte
sich zunehmend positiv. Bei fallendem Wasserstand
wurden zahlreiche Vögel bei der Nahrungssuche an den
Schlickflächen und Wasserlachen beobachtet.
Die NABU Beringungs-AG betreut neben der Beringungsstation auch das dazugehörige Projektgebiet des sogenannten IKEA-Biotops, welches in das "Natura 2000"-Schutzgebietsnetz integriert ist. Neben der Begutachtung des Zustands werden auch Pflegemaßnahmen durchgeführt, die den Charakter des Gebiets erhalten sollen.

Seit der Schaffung des IKEA-Biotops 1997 ist das Gebiet einem stetigen Wandel unterworfen. Das ursprüngliche Konzept einer offenen Wasserfläche mit Schilf- und Seggenflächen ist bis heute noch in weiten Teilen erhalten geblieben, jedoch gibt es auch Probleme, die auf längerfristige Sicht diesen Zustand gefährden: Verlandung und Sukzession (= Fortschreiten der Vegetation).

Bruchwasserläufer, beringt am 22.08.2015
Durch lange Trockenheit fielen große Teile der Wasserfläche
trocken, was für Watvögel jedoch auch eine willkommene
Rastmöglichkeit darstellte.
Durch Biomasseeintrag und fliegende Sedimente nahe gelegener Baustellen verlandete die Wasserfläche über Jahre hinweg zusehends. Das IKEA-Biotop als künstlich geschaffene Ausgleichsfläche ist ferner auch nicht den natürlichen Hochwässern unterworfen, diese werden durch die Kanalisierung der Saar und die nahe gelegene Staustufe verhindert. Daraus resultierend sank die Wassertiefe in gerade einmal fünf Jahren von ehemals ca. 1,50 m auf nur noch 1 m ab. Besonders deutlich wurde dies zum extrem niederschlagsarmen Hochsommer 2015, als zum ersten Mal seit Bestehen des Gebiets große Teile der Wasserfläche trocken fielen. Aus unserer Sicht ist hier in absehbarer Zeit ein Eingriff mit schwerem Gerät unausweichlich, um durch Abtrag von Erdmassen die Wasserfläche wieder zu vertiefen.

Das IKEA-Biotop im Juni 2015 - Speziell in den trockeneren Bereichen des
Schilfgürtels sind in den vergangenen Jahren vermehrt Weiden herangewachsen,
die es in den kommenden Jahren in Pflegemaßnahmen zu entfernen gilt.
Die Vegetation im IKEA-Biotop ist naturgemäß äußerst vielseitig, da im Gebiet lokal die Bedingungen in Feuchtigkeit, Nährstoffreichtum und Exposition stark variieren. Neben Schilf und Feuchtgräsern gibt es auch trockenere Wiesenflächen, Hecken und Gebüsche sowie auwaldähnliche Bereiche mit Erlen und Weiden. Speziell in den letzten Jahren ist mit der zunehmenden Verlandung auch ein deutlicher Aufwuchs von Gehölzen inmitten des Schilfs zu bemerken. Einige Teile des Schilfgürtels wurden sukzessive von Weiden verdrängt, auch die einzige große Rohrkolbenfläche des Gebiets ist durch neu aufwachsende Jungweiden bedroht. Eine dauerhafte pflegerische Betreuung der betroffenen Bereiche ist aus unserer Sicht die einzig sinnvolle Maßnahme, um einen Strukturverlust zu verhindern. (Anm.: Anfang 2016 wurde wieder eine Pflegemaßnahme durch das Team der Beringungsstation durchgeführt!)

Umgeknickter Altschilf im Februar 2015
Die Folgen dieser wetterbedingten Schäden waren noch bis
zum Herbstzug anhand der Beringungsdaten messbar.
Weiterhin wurden im Winter 2014/15 massive Schäden am Bestand des Altschilfs festgestellt. Offenbar durch Stürme und Frost waren knapp 20% der Schilffläche in Bodennähe abgeknickt, was mit einem Verlust an Nist- und Rastplätzen für Feuchtgebietsvögel einherging (siehe wissenschaftliche Ergebnisse). Im Laufe des Jahres regenerierte sich der Schilfgürtel wieder deutlich, so dass wir keine Folgeschäden für die nächsten Jahre erwarten.


Wissenschaftliche Ergebnisse

Besondere Nachweise 2015

Die Krickente konnte erst zum zweiten Mal
im IKEA-Biotop gefangen werden
Unter den mehr als 10.000 neu beringten Vögeln des vergangenen Jahres waren auch zahlreiche Seltenheiten. Wir freuen uns vor allem über zwei Drittnachweise und zwei Viertnachweise für das Saarland und einen interessanten Hybriden.

Beginnen möchten wir diesen Abschnitt jedoch mit zwei eigentlich recht häufigen Arten, die jedoch beide erst ein einziges Mal von uns beringt werden konnten: Die Krickente und der Mittelspecht. Bei beiden gelang 2015 der jeweils zweite Fang im Gebiet. Der Mittelspecht als Bewohner älterer Laubwälder wurde als biotopfremde Art 2007 erst ein einziges Mal im Gebiet nachgewiesen, damals ebenfalls durch Fang und Beringung. Krickenten sind zwar häufiger im Biotop zu beobachten, werden aber aufgrund ihrer Größe in aller Regel nicht gefangen.

Hybrid Rauch- X Mehlschwalbe
Ein Massenzugtag der Rauchschwalbe bescherte ein weiteres Highlight des vergangenen Jahres. Am 28.08. konnte die Rekordzahl von 243 Rauchschwalben beim Schlafplatzanflug gefangen und beringt werden, soviele wie nie zuvor an einem einzigen Tag. Darunter befand sich neben einen Fremdfang der Vogelwarte Brüssel auch ein Hybrid aus Rauch- X Mehlschwalbe. Dieser Mischling zeigt intermediäre Maße und Merkmale beider Arten, wie den braunen Kehlfleck der Rauchschwalbe und den weißen Bürzelfleck sowie die befiederten Füße der Mehlschwalbe. Dieser Hybrid ist in der Literatur bereits bekannt und tritt regelmäßig, aber nur in geringer Zahl auf. Im IKEA-Biotop ist dies bislang aber der einzige Nachweis.

Sprosser, beringt am 22.08.2015. An diesem Tag konnten
sogar beide Individuen im Biotop nachgewiesen werden.
Mit gleich zwei Sprossern gelangen im vergangenen Jahr der Dritt- und Viertnachweis dieser Art für das Saarland (16.08., 22.08.). Dieser östliche Verwandte der Nachtigall wurde bereits zwei Mal im IKEA-Biotop gefangen und beringt, 2015 gab es nun sogar zwei Exemplare in einem Jahr. Besonders interessant war auch die lange Verweildauer eines Individuums im Saarland, das von 16.08.-08.09. anwesend war. Der Einflug dieser östlichen Art war auch überregional zu bemerken, z.B. konnte ebenfalls am 22.08. in Schifflange/Luxemburg ein Sprosser gefangen und beringt werden, ein Erstnachweis für das Großherzogtum.

Gelbbrauen-Laubsänger, beringt am 11.10.2015
Nach den beiden Nachweisen des letzten Jahres das
dritte Exemplar für die NABU Beringungsstation
Ein weiterer saarländischer Drittnachweis gelang unerwartet fast schon zum Saisonende am 07.11.2015 mit einer Zwergammer (Foto s.o.). Nach den beiden Fängen 2001 und 2011 ist dies schon der dritte Nachweis dieser Art für das IKEA-Biotop.

Last but not least wurde am 11.10.2015 erneut ein Gelbbrauen-Laubsänger gefangen. Nach den beiden Fängen 2014 ist dies der dritte Nachweis im Gebiet und der vierte Nachweis für das Saarland - allesamt durch Beringung erbracht!


Häufige Arten - Gewinner und Verlierer

Seit jeher sind häufige Arten im IKEA-Biotop von großem wissenschaftlichen Interesse, da diese Daten weniger methodischen Schwankungen zwischen den Jahren unterworfen sind. Daraus resultierend lassen sich Fangzahlen sehr häufiger Arten als Indikator für Veränderungen des Gebiets heranziehen. Der kurzfristige Verlust an Schilfgebieten im Winter 2014/15, aber auch der langfristige Wandel in der Vegetation (siehe "Zum Zustand des Biotops") schlugen sich im vergangenen Jahr  deutlich auf die Beringungszahlen dieser Arten nieder.

Die Top-4-Arten 2015 - Gewinner und Verlierer:
Teichrohrsänger (o.l.) und Rohrammer (M; o.r.) nehmen ab,
Mönchsgrasmücke (M&W; u.l.) und Rotkehlchen (u.r.) mit
Zugewinnen gegenüber 2014
Die bemerkenswerteste Entwicklung gab es aus unserer Sicht an der Spitze: Zum ersten Mal seit Beginn der Beringungstätigkeit im Gebiet ist die häufigste Art des Jahres keine Feuchtgebietsart! Diesen Titel gibt es 2015 für die Mönchsgrasmücke, welche den Teichrohrsänger, der knapp 20% der Fangzahl gegenüber 2014 einbüßt, auf Platz zwei verdrängt.

Auf den Plätzen drei und vier landen das Rotkehlchen und die Rohrammer. Auch hier ist zu bemerken, dass die Rohrammer enorme Verluste zum Vorjahr zeigt, was jedoch auch teilweise durch die geringere Zahl an Fangtagen 2015 zu begründen ist.

Bereits seit Jahren beobachten wir die starke Zunahme von Grasmücken im IKEA-Biotop. In der Saison 2015 setzte sich dieser Trend fort und es gab wieder Rekordzahlen bei Mönchs-, Dorn- und Klappergrasmücken. Die vorwiegende Ursache ist hier wohl ebenfalls die eingangs erwähnte Sukzession:  Grasmücken bevorzugen Lebensräume mit Hecken, auch für ihre Rast. Mit dem Aufkommen immer größerer Gebüsche steigt auch die Zahl der rastenden Grasmücken. Die gleiche Entwicklung deutet sich im Übrigen auch im Brutbestand des IKEA-Biotops an (siehe Ergebnisse Brutzeit).

Fangzahlen der vier Grasmückenarten im IKEA-Biotop und Trends (rot: Jahresrekord)
Die Fotos zeigen Mönchsgrasmücke (M; o.l.), Garten-, Dorn- und Klappergrasmücke (u., v.l.n.r.)

Mittelhäufige Arten - Ein Überblick 
 
Waldarten wie der Waldbaumläufer zeigten 2015 einen
überdurchschnittlich starken Zug im IKEA-Biotop.
Für viele Arten zeigte sich 2015 keine signifikante Abweichung zu den Vorjahren, bemerkenswert war jedoch das invasionsartige Auftreten zahlreicher Waldvogelarten im IKEA-Biotop. Nachdem 2010 bereits ein Einflug von typischen Waldvögeln dokumentiert wurde, gab es im vergangenen Jahr ebenfalls ein solches Phänomen. Allen voran die oben erwähnten Rotkehlchen, aber auch Blau-/Kohl- und Tannenmeisen wurden zum Herbstzug von Mitte September bis Ende Oktober in großer Zahl beobachtet und teils auch gefangen und beringt. Auch ganze vier Waldbaumläufer konnten beringt werden, mehr als in allen vorangegangenen Jahren zusammen. Interessant in diesem Kontext war auch der Fremdfang einer Kohlmeise aus Litauen, der aufzeigt, welche Zugstrecken von diesen teilziehenden Populationen zurückgelegt werden.

Das häufige Auftreten der Beutelmeise 2015 deutet auf ein
gutes Brutjahr dieser Art in den Brutgebieten hin. Im
Saarland ist diese Art nur noch zur Zugzeit anzutreffen.
Ein herausragendes Fangjahr konnte bei den Beutelmeisen verzeichnet werden, mit 103 Neuberingungen. Die Beutelmeise ist im IKEA-Biotop die Art mit der höchsten Quote an Fremdfängen, im Schnitt ist eine von 14 Beutelmeisen bereits anderenorts beringt worden, was in dieser Höhe einmalig ist! Auch 2015 wurden neben den Neuberingungen ganze 13 Fremdfänge (11x Paris, 2x Hiddensee) registriert. Wir vermuten hinter der hohen Zahl an Fänglingen einen guten Bruterfolg dieser Art im vergangenen Jahr.

Eisvögel sind mittlerweile fast ganzjährig im IKEA-Biotop
anzutreffen. An Spitzentagen wurden 2015 bis zu sieben
verschiedene Individuen festgestellt.
Eine weitere Art mit erstaunlichen Zugewinnen ist der Eisvogel, der ganze 62 Mal beringt werden konnte. Teilweise wurden sieben verschiedene Exemplare an einem Tag im gerade mal fünf Hektar großen Gebiet festgestellt. Dies demonstriert eindrucksvoll die Bedeutung des IKEA-Biotops für diese Art. Interessant war auch der Kontrollfang eines von uns beringten Eisvogels während der mobilen Beringungsaktion im Rosseltal, was die noch vorhandene Vernetzung der punktuellen Feuchtgebiete im größtenteils durch Siedlung und Industrie geprägten Saartal aufzeigt.

Ein weniger erfreulich Bild zeigte sich bei der Uferschwalbe, einem der größten Verlierer der letzten Jahre. Bereits seit 2011 verzeichnen wir einen kontinuierlichen Abfall der Fangzahlen bei vergleichbarer Fangintensität. Die Gründe dahinter liegen wohl im bundesweiten Trend dieser Art, die überall mit starken Abnahmen im Bestand zu kämpfen hat, nicht zuletzt durch Lebensraumverlust. Im vergangenen Jahr wurden an der Beringungsstation lediglich drei Individuen gefangen!

Fangzahl der Uferschwalbe seit 2009

Projektarten Feldlerche und Fitis

Bei den Feldlerchen gab es das zweitstärkste Fangjahr
seit Beginn der systematischen Erfassung 2012.
Auch den ersten Wiederfund gibt es zu verzeichnen.
Die seit 2012 laufende Erfassung des Herbstzugs der Feldlerche wurde auch 2015 fortgeführt. Mit 103 beringten Individuen wurde dabei die zweitstärkste Saison registriert. Die stärkste Zugnacht des vergangenen Jahres fiel auf den 23. und 24.10. mit 57 Fängen. Mit zwei Jahren Verzögerung erreichte uns auch die erste Fundmeldung des Projekts, die einen knappen Monat nach der Beringung im IKEA-Biotop in SW-Frankreich tot aufgefunden wurde.

Fitis, ssp. trochilus, adult.
Trotz weißem Bauch sind deutlich gelbe Strichelan
der Unterseite zu erkennen.
Im vergangenen Jahr widmete sich die Beringungsstation besonders der Projektart Fitis, da hier eine große Diskrepanz in der Altersstruktur offensichtlich wurde: Gewöhnlich ist der überwiegende Teil der Fänglinge im Herbst Jungvögel, da pro Brutpaar in der Regel mehr als zwei Jungvögel flügge werden. Beim Fitis zeigt sich jedoch ein umgekehrtes Bild, mehr Alt- als Jungvögel. Wir vermuteten dahinter zum Teil auch einen Fehler unsererseits bei der Altersbestimmung: Diese wird beim Fitis vor allem an der Färbung der Unterseite festgemacht, es gilt: Helle Unterseite: adult, gelbe Unterseite: juvenil. Die Gefahr bei dieser Form der Altersbestimmung: Auch die nordische Unterart acredula zeigt eine aufgehellte Unterseite! Ob und wie häufig sie auftritt war eine Fragestellung des Projekts.

Einer von ca. 10 Fitissen mit Merkmalen der ssp. acredula
Gefangen und beringt am 26.09.2015.
Die Unterseite wirkt hier fast weiß, die Kehle ist nur leicht
gelblich überhaucht, ohne Strichelung.
Weiterhin waren auch die genauen Zugzeiten des Fitis im Saarland interessant, speziell im Hinblick auf das Ende des Durchzugsfensters. Hier gab es in der Vergangenheit einige Meldungen später Fitisse Mitte bis Ende Oktober, hinter denen wir jedoch blasse Zilpzalpe (Unterarten abietinus/tristis) vermuten. In aller Regel liefern die Beringungsdaten der Station die spätesten Nachweise einer Art im Saarland, bislang konnten von uns jedoch keine Exemplare nach dem 10. Oktober festgestellt werden.

Die Ergebnisse des Fitis-Projekts sind aus unserer Sicht sehr erfreulich: Ganze 190 Individuen konnten 2015 gefangen und beringt werden, darunter ca. 10 Individuen mit Merkmalen der Unterart acredula. Zur endgültigen Beurteilung sollen die angefertigten Dokumentationsaufnahmen noch Experten vorgelegt werden. Bezüglich der Zugzeiten bestätigte das Projekt die Vermutungen der Vorjahre: Der 10. Oktober ist eine magische Grenze für das Auftreten dieser Art. Spätere Beobachtungen sollten daher ohne Dokumentation kritisch beurteilt werden.

Fangzahl von Fitis und Zilpzalp nach Monatsdekade und relativer Anteil beider Arten.
Ab Mitte Oktober (OK2) wurden keine Fitisse mehr festgestellt.
(Datengrundlage 2006-2015)

Brutzeit 2015 - Kurzergebnisse

Zwergtaucher im Prachtkleid
2015 gab es Brutverdacht für diese Art im IKEA-Biotop
Die seit 2007 laufende, systematische Erfassung des Brutbestands im IKEA-Biotop wurde auch 2015 wieder durchgeführt. Fragestellungen dieses Projekts sind vor allem die Artzusammensetzung und genaue Revierzahlen der Brutvögel, daneben sind auch Bruterfolg und Standorttreue der Brutvögel von Bedeutung. Die Methodik der Brutzeiterfassung richtet sich größtenteils nach den Standards des Integrierten Monitorings von Singvogelpopulationen (IMS), zur Auswertung der Daten im Hinblick auf Revierzahlen wird eine selbst definierte Methodik herangezogen, wie hier beschrieben.

Im vergangenen Jahr wurden dabei durch Beringung und Beobachtung 25 sicher brütende Arten im und um das IKEA-Biotop festgestellt. Für 10 weitere Arten besteht Brutverdacht. Das Artenspektrum wurde dabei durch den Zwergtaucher als brutverdächtige Art um eine Art erweitert. Der Feldschwirl hingegen, der bis 2013 noch alljährlicher Brutvogel im Gebiet war, konnte auch 2015 wie schon 2014 nicht mehr als Brutvogel nachgewiesen werden.

Orpheusspötter zeigen eine Reaktion auf die fortschreitende
Vegetation im IKEA-Biotop: Ihre Reviere verschieben sich
Ähnlich der Fangzahlen von Rastvögeln zum Zug zeigen auch die Brutbestandszahlen vieler Arten  im vergangenen Jahr einen eindeutigen Trend an: Das IKEA-Biotop verbuscht. Zum ersten Mal  überholten die "Heckenbewohner" die typischen Feuchtgebietsarten in der Zahl der Reviere (siehe auch die letzte Grafik des verlinkten Beitrags). Auch hieran lässt sich wieder dokumentieren, wie stark sich der Wandel in der Vegetationsstruktur im IKEA-Biotop fortsetzt. 

Eine interessante Art zur Dokumentation dieses Prozesses ist auch der Orpheusspötter, der im Saartal ein mittelhäufiger Brutvogel ist. Er bevorzugt ein gewisses Sukzessionsstadium einer Gebüschlandschaft als Brutplatz und gibt ein Revier auf, wenn die Vegetation zu hoch und dicht wird. Im IKEA-Biotop gibt es traditionell 2-4 Reviere pro Jahr, die sich gerade in den letzten Jahren deutlich räumlich verschieben. Auch dies belegt die andauernde Entwicklung im Gebiet.
Ferner gab es bei den Teichrohrsängern einen Bestandseinbruch auf 15 Paare, dem tiefsten Stand seit Beginn der Erfassung. Diese kurzfristige Entwicklung lässt sich durch die Schädigung des Altschilfs (s.o.) erklären, da Teichrohrsänger zum Nestbau auf vorhandene Altschilfbestände angewiesen sind.

Brutbestand des Teichrohrsängers im IKEA-Biotop
2015 wurde mit 15 Brutpaaren der niedrigste Stand verzeichnet.
Dies ist vorwiegend durch die Winterschäden am Altschilf zu begründen.

Fazit

Die NABU Beringungsstation "Mittleres Saartal" hat 2015 in tausenden ehrenamtlichen Stunden wieder wertvolle Daten zum Bestand der Vogelwelt im Saarland wie auch überregional erhoben. Die Station ist im Verbund der Beringer Deutschlands mittlerweile eine etablierte Größe und die größte ehrenamtlich geleitete Station Deutschlands. Der Fortbestand dieses Monitoringprojekts für die Vogelwelt ist unser vorrangiges Ziel für die nächsten Jahre.

Die 2015 erhobenen Daten konnten dabei sowohl subjektive Bestandseindrücke bestätigen, aber vor allem auch einige Wissenslücken schließen, z.B. bzgl. des Fitis. Ähnliche Projekte in der Zukunft sind geplant. In den kommenden Jahren sollen die bislang gewonnenen Ergebnisse auch in Form mehrerer Publikationen veröffentlicht werden.

Trotz der Freude über das vergangene Beringungsjahr und die interessanten Fänge und Ergebnisse muss auch auf die Probleme im IKEA-Biotop hingewiesen werden: Das Gebiet verändert sich rasant und läuft Gefahr, in wenigen Jahren seine Gestalt radikal zu verändern. Wir hoffen, in Kooperation mit den Behörden den gesetzlich verankerten Schutz des Schilfgebiets durch zielgerichtete Pflege- und Gestaltungsmaßnahmen gewährleisten zu können. Hierbei sind wir jedoch auch auf behördliche Unterstützung und Finanzierung angewiesen.

Auch 2016 wird die Arbeit an der Station fortgeführt, mit hoffentlich ebenfalls spannenden Ergebnissen.

DANKE

Das Team der NABU-Beringungsstation
(V.l.n.r.: Marius Nicklas, Sebastian Kiepsch, Katharina Klein,
Pierre Geller, "Altmeister" Lothar Hayo und Rolf Klein)
An dieser Stelle möchten wir nur noch ein großes Dankeschön sagen: Allen Beringern und Beringungshelfern, allen Freunden und Förderern, allen Spendern und Geldgebern, allen Fürsprechern und Unterstützern des Projekts und allen, die egal wie im letzten Jahr zur Arbeit an der Station beigetragen haben. Ohne eure Unterstützung wäre dieses Projekt nicht möglich!

Namentlich seien hier der NABU Landesverband Saar e.V., der Ornithologische Beobachterring Saar e.V., SaarToto und das Zentrum für Biodokumentation genannt.

Im Namen der gesamten Beringungs-AG,

Sebastian Kiepsch

27.10.2015

Brutzeiterfassung - Ein Blick hinter die Kulissen

Hallo zusammen!

Teichrohrsänger im Schilf
So frei wie hier lässt sich diese in der dichten Vegetation brütende Art nur selten beobachten. Meist wird der Brutbestand daher über Gesangserfassungen abgeschätzt. Wir möchten hier zum ersten Mal Einblick in eine alternative Methodik geben, die über Fang und Beringung eine Angabe des Brutbestands erlaubt, mit interessanten Ergebnissen!
Bevor demnächst der eigentliche Brutzeitbericht 2015 folgt, möchten wir vorab zum ersten Mal überhaupt auch einen Einblick in unsere Auswertearbeit gewähren. Ein großer Teil der Arbeit des Teams entfällt neben der Tätigkeit im Gelände auch auf die Eingabe, Kontrolle und vor allem Auswertung der über 10.000 Datensätze pro Jahr. Ein sehr anschauliches Beispiel der Auswertung ist die Angabe des Brutbestands im Gebiet, welcher in der konventionellen Feldornithologie oft mit vielen Abschätzungen, Hochrechnungen und Unsicherheiten verbunden ist. Die Beringung im IKEA-Biotop zeigt hier, wie sehr Schätzung und Realität voneinander abweichen können.


Geschichtliches und Motivation

Das IKEA-Biotop damals und heute
Schön zu erkennen ist der deutliche Wandel in der Vegetationsstruktur. Zwar war diese sogenannte Sukzession in den Anfangsjahren am stärksten ausgeprägt, doch sind bis heute noch Effekte spürbar, wie z.B. die andauernde Verlandung des Gebiets. Die großen Unterschiede in der Vegetationsstruktur haben einen direkten Einfluss auf den Brutbestand im Gebiet. Ein Ziel der Brutzeituntersuchung ist es auch, Qualitätsindikatoren für den Gebietszustand zu ermitteln, um Pflegemaßnahmen besser planen zu können.
Mit der Schaffung des IKEA-Biotops wurde heiß diskutiert, ob eine solch isolierte und vergleichsweise kleine Ausgleichsfläche überhaupt nennenswerten Nutzen für Brut- und Zugvögel hat. Durch Beobachtung des Gebiets wurde schnell klar, dass man diese Frage aufgrund der Zahl der auftretenden, teils seltenen Arten nur mit JA! beantworten kann. Was jedoch unklar blieb, ist das quantitative Ausmaß zu Brut- und Zugzeit, da eine verlässliche Zählung von Vögeln im dichten Schilf mit dem Fernglas alleine unmöglich ist. Aus diesem Grund wurde praktisch seit Anbeginn auch die systematische Beringung im IKEA-Biotop durchgeführt. Zunächst war die Erfassung dabei vor allem auf die Zugzeit ausgelegt; ergänzend dazu wird seit 2007 auch eine standardisierte Beringung zur Brutzeit durchgeführt.

Zu keiner anderen Jahreszeit wird der methodische Vorteil der Vogelberingung so deutlich wie zur Brutzeit: Gerade dann halten sich viele Vögel sehr lange im Gebiet auf, um ihre Nester zu bauen, zu brüten und ihre Jungen aufzuziehen. Vor allem in der Kernbrutzeit im IKEA-Biotop, zwischen Mai und Juli, gibt es eine enge räumliche Bindung der Vögel an ihren Brutplatz. Ist ein solcher Vogel erst einmal mit einem Ring markiert, lässt sich bei einem Wiederfund die Identität anhand der Ringnummer eindeutig feststellen. Dies hebt die Beringung gegenüber der reinen Beobachtung oder Gesangserfassung ab, die im Normalfall keine individuelle Erkennung zulässt.

Adulte Wasserralle, gefangen zur Brutzeit 2014.
Die Wasserralle ist zwar alljährlich Brutvogel im IKEA-Biotop,
entzieht sich aber aufgrund ihrer Lebensweise in Bodennähe
dem Fang mit Netzen. Die alternative Fangmethode mit Bodenfallen
ist stark von den Bedingungen im Gebiet abhängig (Wechselnde
Fangplätze je nach Wasserstand). Für die Wasserralle wird der
Brutbestand also auch weiterhin geschätzt werden müssen.
Trotz dieses immensen Vorteils ist natürlich auch die Beringung nicht perfekt: Einige Vogelarten lassen sich über Fang und Beringung kaum erfassen. Insbesondere Großvögel, Wasservögel und Bodenbewohner wie z.B. Wasserrallen sind über Fang und Beringung nicht oder nur unzureichend nachzuweisen. Doch auch manche Kleinvogelarten werden nicht zu 100% gefangen, so z.B. der Orpheusspötter, der eine extrem enge Bindung zum Neststandort in "seiner" Hecke hat und diese auch zum Gesang und zur Nahrungssuche nur selten verlässt. Diese Erfassungsproblematik kann nur dadurch umgangen werden, dass beide Verfahren, Revierkartierung und Beringung gleichzeitig zum Einsatz kommen.


Methodik und Datenerhebung

Im Beringungskalender beginnt die Brutzeiterfassung am 01.05. und endet am 20.07. des jeweiligen Jahres. Nahtlos voran geht eine Frühjahrszugerfassung und im Anschluss folgt die intensiv gestaltete Erfassungstätigkeit zum Herbstzug, so dass auch Daten aus den Zeiträumen vorher und nachher für die Auswertung in Betracht gezogen werden können (frühe/späte Bruten). Die konkrete Beringungsarbeit zur Brutzeit ist auf eine Beringungsaktion pro 10-Tages-Intervall festgelegt, um die Störung während dieser für die Vögel sehr anstrengenden Jahreszeit so gering wie möglich zu halten. An Fangtagen wird ab Sonnenaufgang für 6 Stunden gefangen, mit stündlichen Netzkontrollen. Die Standorte der ca. 40 Fangnetze sind dabei von Jahr zu Jahr immer gleich. Ändert sich also im Bereich der Netze die Vegetationsstruktur und damit verbunden das Artenspektrum, erwartet man entsprechende Auswirkungen in den Beringungsdaten. Speziell über mehrere Jahre können so langfristige Veränderungen im Gebiet dokumentiert werden.

(KLICK ZUM VERGRÖSSERN)
Beispiel einer Revieranalyse für ein Teichrohrsänger-Männchen (Ringnr. B2V4605), welches über 6 Jahre als Brutvogel im Gebiet nachgewiesen werden konnte und dabei 44 Kontrollfänge (!!) erbrachte. Oben eingezeichnet in rot sind die Fangstandorte, bei Mehrfachfängen entsprechend dicker gezeichnet, dazu in blau die vermuteten Reviergrenzen.

Zu den gefangenen Vögeln werden neben den Grunddaten (Fangzeitpunkt, Ort, Art, Alter, Geschlecht) auch biometrische Daten zu Flügellänge und Gewicht erfasst und vor allem auch der exakte Netzstandort des Fangs. Letzterer erlaubt bei mehrfachen Fängen auch eine Angabe zum vermuteten Revierstandort. Im Falle standorttreuer Brutvögel können über Jahre hinweg gleiche Reviere festgestellt werden.


Datenauswertung - Vom Fang zur Bestandsangabe

Nach der Feldarbeit folgt die Auswertung. Um von den reinen Fanglisten zu einer Bestandsangabe zu gelangen, haben wir uns eine eigene Methodik definiert, welche die Rahmenbedingungen der Erfassung und einige Besonderheiten berücksichtigt. Da noch eine Publikation des Verfahrens aussteht, können wir an dieser Stelle nicht ins letzte Detail gehen. Grob gesagt erfolgt eine Auswertung in 2 Schritten: Erst werden die gefangenen Vögel kategorisiert, dann werden anhand dieser Einteilung mehrere Bestandsindikatoren definiert - einer davon ist ein geschätzter Brutbestand (Anzahl Brutpaare).

Sprosser, adultes Weibchen
Zur Brutzeit können auch Vögel gefangen
werden, die im Biotop nicht brüten oder
wie in diesem Fall sogar hunderte Kilometer
vom Brutgebiet entfernt sind.
Auch ein Brutfleck ist kein sicheres Merkmal
für Brutvögel, denn auch dieser trat beim oben
gezeigten Sprosser auf.
Nicht jeder Altvogel, der im Sommer auftritt, ist automatisch Brutvogel! Der erste Schritt unserer Methodik ist die Abgrenzung der potentiellen Brutvögel von rastenden Zugvögeln oder Nichtbrütern, welche nicht selten zur gleichen Zeit auftreten können. Dies geschieht über die Anzahl und zeitliche Verteilung der Fänge eines Individuums. Ist ein Vogel als Brutvogel identifiziert, erfolgt eine genauere Kategorisierung, man unterscheidet "mögliche" (Kat. A), "wahrscheinliche" (Kat. B) und "sichere" Brutvögel (Kat. C).

Im nächsten Schritt erfolgt die Auflistung der Brutvögel nach Art und Geschlecht. In den meisten Fällen werden systematisch mehr Männchen als Weibchen gefangen; dies erklärt sich unter anderem durch Unterschiede im Verhalten: Bei vielen Arten kümmert sich das Weibchen alleine um das Bebrüten der Eier, während das Männchen das Revier abgrenzt und verteidigt. Die viel mobileren Männchen sind in dieser Zeit daher einfacher durch Fang nachzuweisen. Aus dem Katalog an Brutvögeln können dann unter Berücksichtigung dieser Eigenheit Minimalbestand (nur Kat. C), geschätzter Bestand (B+C) und Maximalbestand (A+B+C) berechnet werden. Verfolgt man diese drei Kennwerte über mehrere Jahre, so kann aus den Mittelwerten ein Brutbestand (Schätzung und Abweichung +/-)  definiert werden, siehe unten stehende Abbildung).
(KLICK ZUM VERGRÖSSERN)
Langjähriger Brutbestand einiger regelmäßiger Brutvogelarten im IKEA-Biotop
Die drei Kennwerte für Maximum, Schätzung und Minimum des Bestands ergeben sich direkt aus der Kategorisierung (A, B, C) der potentiellen Brutvögel und dem bestimmten Geschlecht.


Ergebnisse - Über unscheinbare Schilfbewohner, Schwankungen und Trends

Wie sehr konventionelle Revierkartierung und Beringung auseinander liegen können, zeigt vor allem das Beispiel des Teichrohrsängers. Der Bestand des zweifellos häufigsten Brutvogels im ca. 5 Hektar großen Gebiet ist wurde stets auf etwa 10 Brutpaare geschätzt, was ziemlich genau dem Eindruck zur Gesangsaktivität entspricht. Durch die systematische Beringung wurde offensichtlich, dass es wohl eher 20-25 Brutpaare sind. Der Grund für diese große Differenz liegt wohl in der zeitlichen Staffelung der Bruten: Sowohl Ankunftszeiten der Altvögel als auch Ausflugzeiten flügger Jungvögel erstrecken sich über mehrere Wochen. Dennoch hört man zwischen Ende April und Juli permanent nur 5-10 singende Männchen im Gebiet. Die naheliegende Erklärung: Hier handelt es sich vermutlich um unterschiedliche Sänger je nach Fortschritt der jeweiligen Brut.
(KLICK ZUM VERGRÖSSERN)
Brutbestand des Teichrohrsängers von 2007 bis 2014, ermittelt nach oben erläuterter Methodik aus Beringungsdaten.
Der langjährige Bestand wird mit ca. 22 +/- 5 Brutpaaren angegeben. Auffällig ist das "Ausnahme"-Jahr 2010, welches sich durch besonders günstige Wetter- und Vegetationsbedingungen in diesem Jahr erklären lässt.


Auffallend in der Bestandsentwicklung der Teichrohrsänger ist vor allem das Jahr 2010, welches für diese Art ein extrem starkes Brutjahr war. Der Grund dafür lag vermutlich in den extrem günstigen Bedingungen dieses Jahres: Das warme, trockene Frühjahr brachte einen frühen Aufwuchs des Schilfs mit sich. Durch hohe Niederschlagsmengen im Mai wurden zwischenzeitlich ausreichend Reserven für das weitere Wachstum getankt, die dann im weiteren Verlauf der Brutzeit in sehr warmen und sonnenreichen Phasen restlos in Biomasse umgesetzt worden. Das Resultat: Ein im Vergleich mit anderen Jahren früher aufkommender, dichterer und höherer Schilfbestand, der mehr Brutplätze und Nahrung bot als sonst und einen Bestandssprung auf ~37 Brutpaare in diesem Jahr zur Folge hatte. Gerade diese kurzzeitigen Schwankungen bei Kleinvögeln sind ohne Beringung fast nicht nachweisbar.
(KLICK ZUM VERGRÖSSERN)
Entwicklung der Brutbestandsindikatoren für die Habitattypen Feuchtvegetation und Bäume/Gebüsche (gleitende Mittelwerte). Die Indikatoren setzen sich zusammen aus der Summe der Brutbestände für verschiedene Arten.
Feuchtvegetation beinhaltet Teichrohrsänger, Sumpfrohrsänger, Rohrammer, Feldschwirl.
Bäume/Gebüsche beinhaltet Mönchs-, Klapper-, Dorn-, Gartengrasmücke, Kohl-, Blaumeise, Zilpzalp, Nachtigall, Amsel, Heckenbraunelle


Ähnlich steht es um langfristige Trends, wie z.B. dem Wandel der Vegetationsstruktur des Gebiets (Sukzession). Über die Jahre konnte man im IKEA-Biotop beobachten, dass das Gebiet durch Eintrag von Biomasse und Flugsand von nahe gelegenen Baustellen immer weiter verlandete. Umgekehrt fehlen die typischen Hochwässer im Gebiet, dank Kanalisierung und reguliertem Wasserstand der Saar. In der Summe bewirkte dies ein fortschreitendes Absinken des Wasserstands und damit verbunden eine Ausbreitung der Pflanzen, die etwas trockenere Lebensraumansprüche als Schilf, Rohrkolben und Feuchtgräser aufweisen, z.B. Weiden, Gebüsche, etc. Die Feuchtpflanzen in den entsprechenden Bereichen wurden zunehmend verdrängt. Diese schleichende Entwicklung über viele Jahre ist anhand der Artzusammensetzung im Brutbestand nachweisbar. Insbesondere typische Heckenbewohner wie z.B. Mönchs- und Klappergrasmücke verzeichneten in den letzten Jahren stetig Zugewinne, während Arten mit Bezug zu Feuchtvegetation und Schilf, wie z.B. Feldschwirl, Rohrammer und Sumpfrohrsänger kontinuierlich im Bestand abnahmen. Diese Entwicklung, die bereits seit Jahren von uns so vorhergesagt wurde, ist zutiefst Besorgnis erregend und gefährdet den Charakter des IKEA-Biotops in hohem Maße.



Fazit - Sinnvolle Methodik

  • Die Beringung ist als Methodik zur Bestandserfassung und zum kontinuierlichen Monitoring eines Brutgebiets für Singvögel sehr geeignet. In Kombination mit einer Revierkartierung wird das qualitative und quantitative Bild vervollständigt.
  • Der Zugriff auf einzelne Individuen erlaubt neben der Ermittlung individueller Revierstandorte auch eine genauere Erhebung der Zahl der anwesenden Brutvögel als durch Gesangserfassung.
  • Die Übereinstimmung der Größenordnung der Bestandszahlen über mehrere Jahre zeigt, dass unsere Arbeitsweise verlässliche Daten liefert. Die Entwicklung über mehrere Jahre kann daher als Indikator für Veränderungen im Gebiet herangezogen werden. 
  • Neben langfristigen Trends bilden die Beringungsdaten auch kurzzeitige Ereignisse ab (mehr dazu auch im kommenden "Brutzeit 2015"-Artikel!). Der direkte Nachweis dieser Eindrücke aus dem Feld in den erhobenen Daten zeugt von der Qualität der Methodik in Feld- und Auswertearbeit.


Schlusswort - Mehr Brutzeit in Kürze!

Wir hoffen, dass dieser kleine Exkurs in die wissenschaftliche Arbeit unseres Teams für Sie interessant war. Im nächsten Artikel möchten wir uns etwas konkreter mit der abgelaufenen Brutzeit beschäftigen, die einige interessante Ergebnisse geliefert hat. Währenddessen ist auch die Herbstzugebringung noch in vollem Gang, im Falle einer Seltenheit würden wir natürlich auch nochmal von uns hören lassen.

Im Namen des gesamten Teams der Beringungsstation,
Sebastian Kiepsch

22.07.2013

Brutzeiterfassung 2013


Grauspecht (Picus canus), Weibchen, die 110. im IKEA-Biotop beringte Art
Die Brutzeit 2013 ist für viele Arten abgeschlossen und auch wir haben unsere Erfassung des Brutvogelbestands im IKEA-Biotop beendet. Wie in jedem Jahr wurde pro 10-Tage-Intervall ("Dekade") eine Beringungsaktion durchgeführt, bei der ab Sonnenaufgang über 6 Stunden gefangen wurde. Diese Intensität entspricht der Empfehlung der Vogelwarte, um dem Brutvogelbestand vor Ort keinen Schaden zuzufügen und dennoch eine möglichst genaue Bestandsermittlung zu gewährleisten.

Ausgerechnet am letzten Erfassungstag wurde "zur Belohnung" eine neue Art für das IKEA-Biotop nachgewiesen und konnte auch gefangen und beringt werden: Der Grauspecht. Dieser Laubwaldbewohner, der nur in Ausnahmefällen außerhalb der Wälder anzutreffen ist, wurde völlig überraschend in einem der Auwaldbereiche gefangen. Die Artenzahl im Biotop steigt damit auf 170, davon 110 Arten, die auch beringt werden konnten.



Das Wetter - von Hagelsturm bis Sonnenschein 

Blick vom Beobachtungsturm ins IKEA-Biotop
Nach dem Rekordwinter 2012/13, der auch im IKEA-Biotop der Vogelwelt zu schaffen machte, zeigte sich das Wetter in der Kernbrutzeit erneut von seiner hässlichen Seite. Der Mai brachte im Saartal in kurzer Zeit enorme Regenmengen und im Juni gab es zwei orkanartige Stürme mit Hagel und Starkregen, bei denen sogar einzelne Bäume im Biotop umgestürzt sind. Die Auswirkungen auf den Bruterfolg können im Augenblick noch nicht vollständig abgeschätzt werden, sicher ist aber, dass manche Arten einen Brutverlust oder Teilverluste hinnehmen mussten. Während des Herbstzugs wird man dann spätestens sehen, ob diese auch deutschlandweit ähnlichen Verhältnisse einen signifikanten Einfluss haben.
Als Kontrast zu diesen stürmischen Zeiten war der Juli ein extrem sonniger und trockener Monat mit sehr stabilem Wetter, was vielleicht für Spätbrüter positive Auswirkungen hat. Wenn sich diese Bedingungen bis zur Zugzeit nicht ändern, ist das Gebiet mit dem aktuell niedrigen Wasserstand außerdem prädestiniert für die Rast von Watvögeln.



Erste Ergebnisse - Biotopentwicklung und ihre Folgen

Eine kleine Randnotiz vorab:. Neben diesen Ergebnissen werden im Rahmen der Brutzeitberingung auch Gesangsaktivität und Beobachtungen nicht gefangener Brutvögel erfasst, was einen noch genaueren Einblick in Reviere und Brutgeschehen ermöglicht. Dabei zeigt sich vor allem ein großer Trend: Die natürliche Entwicklung der Vegetationsstruktur (Sukzession)  hat gerade im Vergleich mit dem letzten Jahr große Auswirkungen auf das Artenspektrum der Brutvögel.

Orpheusspötter (Hippolais polyglotta)
Für die Orpheusspötter im IKEA-Biotop ist die aktuelle Entwicklung ungünstig. Die wärmeliebenden Vögel bevorzugen halbhohe Hecken und Gebüsche, die meist in einem Zwischenstadium der Sukzession auftreten. Nachdem in den Vorjahren stets mindestens 4 Brutpaare festgestellt werden konnten, ist der Bestand in diesem Jahr um die Hälfte zurückgegangen. Der Orpheusspötter, der erst ab Mitte der 1980er Jahre von Südwesten nach Deutschland eingewandert ist, ist bundesweit selten und in seinem Vorkommen auf Südwestdeutschland beschränkt. Das Saarland beherbergt dabei den Großteil des deutschen Brutbestands.

Goldammer (Emberiza citrinella), links W, rechts M
Während dieser Trend von uns kritisch beobachtet wird, hat er einer Art doch genutzt. In diesem Jahr besteht starker Brutverdacht für den Neuntöter. Im Randbereich des IKEA-Biotops hat der "Greifvogel unter den Singvögeln" wohl sein Nest in einer großen Brombeerhecke gebaut. Leider konnte der Verdacht (noch) nicht durch weitere Fänge oder Beobachtungen bestätigt werden. Neuntöter erbeuten große Insekten und sogar kleine Mäuse, die sie ähnlich einer Vorratskammer auf Dornen oder Stacheldraht aufspießen.

UPDATE 04.08.2013: 
Das Neuntöter-Paar konnte Ende Juli mit frisch ausgeflogenen Jungen fütternd beobachtet werden, das Weibchen und mindestens ein Jungvogel der Brut konnten auch gefangen und beringt werden. Dies bedeutet den Brutnachweis für den Neuntöter im Gebiet!
 
Drosselrohrsänger (Acrocephalus arundinaceus)
Im Zuge der Biotopentwicklung ist es von großer Wichtigkeit, dass die Spezialisten des IKEA-Biotops nicht negativ beeinflusst werden. Viele von ihnen sind auf spezielle Lebensräume innerhalb des Feuchtgebiets angewiesen und reagieren schnell auch auf kleinste Veränderungen. Gerade in diesem Zusammenhang ist es erfreulich, dass auch 2013 wieder zwei singende Drosselrohrsänger festgestellt wurden. Auch wenn diese im Saarland seltenen Schilfbewohner wie auch 2012 erneut unverpaart blieben und nicht brüteten, zeigt die Anwesenheit eines Männchens von Mai bis Anfang Juli doch, dass das Gebiet zumindest für diese Art noch hervorragend geeignet ist.



Highlights der Brutzeit - Grauspecht & Watvögel

Sperber (Accipiter nisus), Männchen
Neben den üblichen Verdächtigen gab es in diesem Jahr die eine oder andere kleine und große Überraschung. Den Anfang machten ein Rohrschwirl Anfang Mai, sowie ein zweiter Zwergtaucher Ende Mai, nachdem dieses Jahr auf dem Frühjahrszug der erste Fang seit 1999 gelang. Für den Zwergtaucher bestand kurzzeitig Brutverdacht, vermutlich verhinderte das widrige Wetter im Mai und Juni aber eine Brut im IKEA-Biotop.

Der Höhepunkt des Monats Juni war ein adultes Sperber-Männchen, das bei der Jagd ins Netz ging. Diese Greifvögel jagen überwiegend Kleinvögel und gehen dabei auch manchmal in die Netze. Zum letzten Mal war dies 2010 der Fall, damals gab es sogar drei Fänge dieser Art über das gesamte Jahr.


Der Juli schließlich war neben dem Erstnachweis des Grauspechts geprägt von Watvögeln, den sog. Limikolen. Der Herbstzug für einige Arten in dieser Artengruppe beginnt schon ab Mitte Juni. Wir konnten seitdem mit 1 Waldwasserläufer und 3 Flussuferläufern so viele fangen wie in keinem Jahr zuvor - das heißt, bisher! Der Limikolenzug erstreckt sich noch geraume Zeit und der Wasserstand ist günstig.

Waldwasserläufer (Tringa ochropus)

Ausblick - Vorfreude auf den Herbstzug


Das war also wieder die Brutzeiterfassung, doch diese geht nahtlos über in die Herbstzugberingung, die in diesem Jahr testweise schon eine Woche früher startet. Gerade die Zeit Ende Juli ist für manche Arten schon Hauptzugzeit, allerdings wurde in der Vergangenheit häufig erst Anfang August beringt. Ob das ein Fehler war und welche Überraschungen es noch geben wird, sehen wir dann in den nächsten Wochen.



Anhang - Statistik

(vgl. auch 2012)
Die Unterschiede in Fangzahlen begründen sich durch mehr Termine im letzten Jahr, als Anfang Mai noch außerplanmäßige Fangtage zur Erfassung des späten Frühjahrszugs angesetzt wurden. Außerdem wurde der letzte planmäßige Julitermin sehr spät durchgeführt, so dass bereits reges Zuggeschehen herrschte. Die absoluten Zahlen können somit nicht als Indikator für ein gutes oder schlechtes Brutjahr genutzt werden, die Rohdaten müssen noch genauer ausgewertet werden.


Nicht gefangene Brutvogelarten:

Teichhuhn - sichere Brut
Blässhuhn - sichere Brut
Stieglitz - Brutverdacht im Umfeld